Entfernter Kreuzblick

Eine Kleinigkeit offenbart seine Merkwürdigkeit. Was geschieht, wenn man ein großes Holzkreuz im Fenster abhängt? Verändert sich der Durchblick eines unverhangenen Fensters? Als ob es ohne Gardine wäre? Mein Holzkreuz hier nimmt die ganze Fensterfläche ein und ist an den Rändern mit Kaninchendraht am Fensterrahmen befestigt. Die anfängliche Idee war, daß mein Kater nicht hinaus auf die Dachpfannen schleichen und dort womöglich in die Tiefe abstürzen kann. Jetzt ist das große Holzkreuz abgehängt und ich restauriere es. Was geschieht nun mit mir?

Der nackte Blick auf die Welt ohne Kreuz.

Den Blick durch ein Fenster kennt jeder, auch die Unterschiede kennt jeder: geputzt zu schlierenhaft beschmutzt, taghell oder Nacht, frühlingshaft grün oder winterlich entlaubt. Ein, irgendein Blick aus einer Innenwelt in eine Außenwelt. Es ist ein pragmatischer Blick, die Welt im Kopf trifft auf die Welt da draußen. Mehr nicht.

Höre ich jetzt mehr durch ein unverstelltes Fenster? Meistens war der Blick durch das Fenster erträglicher als das Hören. Nicht umsonst formte sich in mir irgendwann der Begriff davon, wie es ist in der Lärmhauptstadt der BRD (1) zu wohnen.

Es drangen leise und laute Worte, manchmal Fetzen davon in den Fensterblick. Keines davon ist je in die Geschichte eingegangen. Selbst das eine Jungweib (2), ich hörte sie mitten in der lauen Sommernacht schreien, weil sie sich gegen einen Vergewaltiger (3) wehren wollte. Sie schrie und schrie. Ich lag in meinem Bett und zuckte mehrmals nach dem Telefon um die Rettung zu rufen. Viele lange Minuten schrie sie und dann plötzlich, vollkommen unvermittelt lachte und kicherte sie herum. Bis sie vor Lust zu stöhnen anfing. Oder war das auch nur Theater? Zu der Zeit wäre ich als Heide liebend gerne runter in den Park gegangen um ihr links, rechts eine runterzuhauen. Mit den Worten:
„ Erst jetzt ist die Aufführung beendet!“
Damals verstand ich noch nicht, daß ein Weib in ihrer Generierung als Opfer die größte Lust an der Macht in dieser Welt hat.

Kommt sie von drinnen oder draußen, diese verführerische Stimme:
„Schau mal, das Fensterkreuz ist doch gar nicht notwendig. Wer braucht denn das? Der kreuzlose Fensterblick steht dir gut!“
Sind nicht schon irgendwelche anderen Gedanken, die sich beim Schreiben über das Kreuz ins Bewußtsein schieben, die Ablenkung und süße Verführung vom redegewandten großen Versucher?

Selbst das Hören mit dem aufgehängten Gipfelkreuz ändert nichts an den Umgebungsbedingungen: der Nachbar mit seiner Hurramusik aus dem quakenden Radio, das elektronische Geplärre vollkommen denaturierter Technikinstrumente. Nachbars brüllend laute Rülpsmanie. Der Ruf eines Bussard und Vogelgekreische aus dem hohen Grün im Hinterhof. Laubbläser und Kettensäge, Bohrhämmer und Rasenmäher, nicht kalibrierte, schleudernde Waschmaschinen und Schuttrutschen. Ist der eine fertig, dann beginnt der nächste. Das alltägliche Übel in dieser Lärmhauptstadt. Einmal rief ich beim Amt dieser Stadt an. Man gab mir die Telefonnummer des Umweltamtes. Dort, in dem Umweltamt dieser Lärmhauptstadt, war die Nummer jedoch nicht vergeben.

Wieder mit Gipfelkreuz – Gott sei Dank!
Sehen – Nach der Restaurierung ist es jetzt wieder angebracht. Kein freier Blick von Welt trübt durch das Fenster nunmehr den Blick auf die Welt. Durch Jesu Augen, ich stehe jetzt hinter Ihm, wie sieht er die Welt? Was bedeuten Seine Worte aus Seiner Sicht? Welche Freude und welches Leid hat er dabei empfunden? Wie würde Er die vorgeheuchelte Vergewaltigung deuten? Auf die verlogene Göre re-agierte ich. Jesus – hättest Du agiert und wärest zu dem Jungweib hingegangen um sie mit Deinem Wort auf jene Sünde der Lüge hinzuweisen?
Wie bedrängend die Macht der Welt ist. Desto bedeutungsvoller ist nun die Nähe Jesu! Je näher, desto mehr Fragen stehen mit mir um das Kreuz herum. Dagegen macht ein Heide es sich einfach. Er etikettiert das Holzkreuz als „Foltergerät“ wie mit einem kleinen Klebeschildchen und tut es in die unterste Schublade mit der Aufschrift:
„Unwissen-Desinteresse-Vorurteile-Niemehr-Vorlage“.

Das tut weh! Bei dieser Zeile sitze ich auf meinem Sofa und blicke auf die gegenüberliegende Wand. Dort hängen drei übergroße Gemäldenachdrucke: eins von Tizian (4), das zweite von Bouguereau (5) und das dritte rettet mich soeben aus dem Schmerz durch des Heiden Etikettierung: Mönch am Meer von Caspar David Friedrich (6).
Was für ein Gegensatz! Die Ablehnung des Heiden von etwas, das er nicht kennt – allein dieser Widerspruch müßte ihn hellhörig machen, wenn er denn wachsam wäre oder mal einen hellen Moment hätte. Dagegen die Hingabe seiner selbst des einsamen Mönches inmitten aller Gewalten. C. D. Friedrich hat mit diesem Gemälde einen wundervollen Moment manifestiert, das Licht in der Finsternis. Wie der entfernte Blick auf die Gottes- und auf die Naturgewalten eines riesengroßen unsichtbaren Kreuzes. Wie wundervoll Friedrich den entfernten Kreuzblick ins Bild gesetzt hat.

Wiederum unsichtbar, jedoch nach dem Willen aus Menschenhand mißkreiert, schiebt sich mir das fehlende Kreuz am Leib Christi aus einer hiesigen Kirche in den Sinn. Dort hängt Jesus ohne Kreuz an einer nackten kalten Wand! Wer hat sich dort entblößt irgendeinen gewandeten, also nicht gekreuzigten Jesus an eine Steinwand zu dübeln? Was ist mit dem Geist des Folterknechtes geschehen, aus dem einen Gottessohn irgendeinen Klippenspringer von Acapulco zu transformieren? Irgendeinen Kerl an irgendeiner Wand hängend für irgendwelche Fantasien irgendwelcher Betrachter? Der frei flottierende menschliche Wille ist einzig nur noch schauerlich!

Immer wieder sichtbar ist dieser Menschenwille auch etwas tun, schaffen zu wollen. Dies ist kein Fingerzeig nach außen, ich kenne das aus meinem eigenen ganzen Heidenleben. Nun sitze ich hier immer noch vor dem Gemälde von Friedrich und hoffe, aus irdischer Sicht formuliert, auf die zeitliche Epoche, in welcher es des Mannes und des Weibes Wille ist die Vergänglichkeit aufzubrechen um der Ewigkeit das Herz zu öffnen. Ich bange um die Stiftung Jesu Christi, obwohl sie auf hartem Fels steht. Erst wenn die katholische Kirche vollständig dekonstruiert ist, werden nicht nur viele Christen, sondern beachtlich mehr Heiden erkennen, wie wundervoll und notwendend sie in ihrer Anwesenheit war.

Mein Wahrnehmung, als ich das erste mal vor knapp vier Jahren in eine Kirche ging und die Hl. Katholische Messe miterleben wollte. Unter dem großen Jesuskreuz in einer Kirche aus einer Gemeinde in dieser größten Lärmhauptstadt, blickte und hörte ich, ohne irgendetwas zu verstehen, mit halb geöffnetem Mund erstaunt auf das Geschehen und es gestaltete sich der Satz in mir:
„Daß es das überhaupt gibt!“

May

Zum 3ten Fastensonntag, 2020 Jahre nach der Kreuzigung Jesu Christi


(1) BRD: Abk. für Bundesrepublik Deutschland.
(2) Jungweib: Begriffsverwendung Mann/Frau analog zu männlich/weiblich.
(3) Vergewaltiger: In der Heidenwelt ist möglicherweise auch ein sexueller weiblich Mißbrauchender denkbar.
(4) Tizian = Tiziano Vercellio, ca. 1480 – 1576. Meister der venezianischen Malerei und der italienischen Hochrenaissance.
(5) William Adolphe Bouguereau, 1825 – 1905. Französischer Maler des Akademischen Klassizismus und des Klassischen Realismus.
(6) Caspar David Friedrich, 1774 – 1840. Bedeutender deutscher Maler, Grafiker und Zeichner der deutschen Frühromantik.

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Mein Gipfelkreuz