Ihre Assoziation? Brennende Kerze!

Bei einem Treffen von Mitarbeitern und Ehrenamtlichen saßen wir im offenen Rund des Kirchenschiffs neben der Orgel und blickten auf das in der Mitte aufgestellte Kerzenlicht. Fünf Männer, fünf Frauen und eine brennende Kerze. Der Kirchenraum selbst war dämmrig beleuchtet, sodaß ein kleines Kerzenlicht weit über sich hinausstrahlen konnte. Es war kein Lager mit Feuer oder ein Feuer ohne Lager, denn das heutige Thema war kein äußeres, loderndes Entflammen in die Welt hinein.
Der Mann, welcher uns zu diesem Treffen zusammenrief, leitete uns thematisch in ein ganz anderes Geschehen ein. Seine Vorgabe apostrophierte unter dem Begriff „Impuls“, zum fokussierten Nachsinnen über das, was den Kirchenraum beleuchtet.

Nach Vorschlägen hierzu aus der Runde, wie Kerzen, gedimmte Lampen und Fensterlicht noch das erleuchtende Wort. Wir wurden verwiesen auf die aufgehängten Texte im Kirchenraum, wie an der Taufkerze, den Apostelkerzen, den hohen Heiligenkerzen der örtlichen Kirchenpatronen, am Ambo und am Marienbild. Jederman bewegte sich in aller Stille mal hier- und dorthin.

Zurück im selben Rund, meldete ich mich und beschrieb meinen Eindruck. Die mehreren kleinen Stationen waren mir zuviele Eindrücke auf einmal, deswegen brach ich die Inaugenscheinnahme ab. Obwohl, die Inschrift eines metallenen Heiligenleuchters hat mich sehr berührt: in etwa aus der Erinnerung „Herr, sei bei mir in der Nacht“. Die Nacht kenne ich aus meiner Heidenzeit zu gut. Meinen besonderen Bezug zu brennenden Kerzen beschrieb ich anhand meiner Erfahrung mit den abendlichen kleinen Teelichtern und ein oder zwei Tafelkerzen aus der Zeit, als ich acht Jahre1 ohne Strom in meiner kleinen Wohnung in dieser Großstadt hauste. Es gab kein anderes Licht, manchmal ein Mondlicht, das bei Vollmond einen klar geschnittenen Lichtkanal durch die kleinen Fenster in den Raum warf. Im Grunde war ich froh, diesen mit zahllosen Umzugskartons vollgestopften Raum nicht hell beleuchtet sehen zu müssen.

Mitten in dieser halbdunklen Zeit, es war der Hl. Abend vor genau fünf Jahren, ergab sich unter dem Schein einer Tafelkerze jenes Erlebnis, das mich bis heute nicht mehr losgelassen hat. Ja, es ist bei mir geblieben und hat in der Folgezeit zu einer ganzen Kaskade von wundervollen Erlebnissen geführt. Es sind nach wie vor bedeutende Markierungen im Laufe der irdischen Zeit für den unerwarteten, spannenden Weg in den christlichen Glauben.

Damit brach ich meine Eingabe in dieser kleinen Runde ab. Ich glaube es war solch ein Moment, man erkennt es schon mal beim Gegenüber, sein Blick, die Mimik, auch Gestik, am hörbar veränderten Atem, der vernehmlichen Stille, daß dies nun genau der richtige Zeitpunkt ist, entweder das Thema zu wechseln oder zu schweigen. Es drückten noch Andere ihre Wahrnehmung zu den präparierten Stationen im Kirchenschiff aus, die ich seltsamerweise nicht mehr erinnere, so aufmerksam war ich.

Der Mann mit den einleitenden Worten verwies auf den Kernpunkt einer solcherart brennenden Kerze: Sie kann nur leuchten, wenn sie sich selbst verzehrt. Die Kerze brennt nicht durch den Wachs einer anderen Kerze, sie läßt nicht brennen, und sie tut nicht so als ob sie brennen würde. Es ist ein echter Vorgang, der sich physikalisch und intellektuell anspruchslos erschließen läßt. Die brennende Kerze verzehrt sich selbst in ihrer ganzen Existenz und leuchtet.

Wir verabschiedeten uns im Dämmerlicht des Beisammenseins und gingen hinaus in die Nacht.

In den Nachgedanken die Tage darauf tauchte aus mir die Frage auf: Warum berichtete ich diesen fremden Menschen von meiner stromlosen Zeit, da ich doch sonst nie jemandem, außer meinem allerengster Bekanntenkreis, davon erzählt hatte? Die Anwesenden bei dem Treffen kenne ich im Grunde nicht, nur vom Sehen in den Hl. Messen und vom „Grüß Gott“, „Guten Tag“, „Schönen Sonntag noch!“.
Erschrocken wühlte ich wie ein Detektiv in der Erinnerung nach Anhaltspunkten, ob ich überhaupt die hintergründige Absicht meiner Eingabe vorgetragen hatte? Nicht das bescheidene Leuchten in der Not war ausreichend und besinnlich, nur weil der Strom fehlte? Ach ja, im Nachhinein war die Wohnsituation spannender zu berichten als zu jener Zeit selber, denn es gab kein einziges elektrisches Gerät mehr in der Wohnung. Keine einzige Lampe, kein Kühlschrank, kein Kocher, Fernseher sowieso nicht, kein Radio, nichts. Einzig ein Akku betriebener Klapprechner, der außer Haus aufgeladen werden konnte.

Beim Treffen in der Runde hatte ich vergessen, es war mir bei meiner Eingabe sozusagen nicht eingeleuchtet, daß dieses tatsächliche Verzehren der brennenden Kerze ebenso eine Symbolik innehat, die weit über sich selbst als Kerze hinausgeht. Im angewandten und brennend verzehrend übertragenem Sinne führt es zur Frage:

Wofür brenne ich? Wofür verzehre ich mich? Weil es so wichtig, lebensnotwendig ist, weil ich es liebe?

Und es gibt eine Antwort darauf, zutreffend auf die Zeit vor fünf Jahren. Es war noch die Heidenzeit. Jene nicht nur ferne, sondern gottlose Zeit in einem stromlosen Gehege mit täglichen Ausgängen in die lieblose Welt. Nervenaufreibende tägliche Gefechte um die Vorherrschaft über Ablehnung, Wettbewerb, Lügen, Vorteile, Hartherzen, Königsmassen, Götzenkulte, Götterspeisen. Ich glaubte also auch an etwas: es gibt nur die Welt und sie hat alle Lösungsmöglichkeit für ihre Probleme verwirkt, mehr nicht.

Das war vor fünf Jahren. Ist das nicht der Unterschied, wofür man sich verzehrt: für den Zeitgeist in der Welt oder für das Ewige, den Heiligen Geist, für Jesus? Im Glauben an die Welt, deren Ideologien oder an den Heiland und seiner Botschaft zur Erlösung und Seelenrettung? Sich im Zeitgeist, im Anthropozentrismus, Relativismus verzehren ist ein kaltes Abbrennen ohne Licht. Nur schwarzes Unlicht, eine Finsternis, die kein Licht kennt.
Im Heiligen Geist, ich wage ihn kaum weiter zu benennen, lediglich insoweit: In den letzten wenigen Jahren ist es zumindest ein tägliches und nächtliches Dauerthema, daß es a) noch etwas anderes gibt als den weltlichen Zeitgeist und b) wie sich die Wahrnehmung im Heiligen Geist gestaltet. Es ist die ständige Unterscheidung der beiden Geister. Mir ist es sehr wichtig zu betonen, daß der Wille hierzu aus eigener Kraft nicht zu bewerkstelligen ist. Es ist noch nicht einmal die Frage danach, es geschieht. Fängt hier schon das Verzehren an, dann ist es an sich nicht das Ziel und es geschieht ohne Absicht, um das Licht zu erkennen oder aufgezeigt zu bekommen.

Davon erzählte ich den Anwesenden in dieser kleinen Runde auf geheiligtem Boden nichts. Auch nicht dieses kleine Detail, was mich vollkommen im Unbewußten dazu veranlaßte, etwas ausführlicher von meinem Bezug zum Kerzenlicht zu berichten. Es war der Zustand, die Situation, in der wir uns über das Verzehren besannen. Der Zustand war eine wohltemperierte Innenluft, einigermaßen bequeme Sitzbänke, Rückenlehnen, entspannt übereinander geschlagene Beine und ein für das Gesprächsthema unverfängliches Beisammensein. Ohne, daß es mir bewußt gewesen war, drängte ich mit meiner Doppelaxt nach vorne und dazwischen, wie ein provozierter Heide mit ausgeprägtem Riecher für potentielle Eklats. Wenn es so mal war, denn aus heutiger Sicht will ich mein früheres Leben nicht mehr stillschweigend besitzen. Es ist frei und kann ‚raus!
Als Christ danke ich allen Anwesenden jenes Treffens für Ihre Rücksicht von ganzem Herzen.

Einen Tag später, am Abend in der Hl. Messe. Wir sangen das Lied2:

Laß uns in deinem Namen, Herr 2

„Laß uns in deinem Namen, Herr,
die nötigen Schritte tun.
Gib uns den Mut, voll Glauben, Herr,
heute und morgen zu handeln.

Laß uns in deinem Namen, Herr,
die nötigen Schritte tun.
Gib uns den Mut, voll Liebe, Herr,
heute die Wahrheit zu leben.

Laß uns in deinem Namen, Herr,
die nötigen Schritte tun.
Gib uns den Mut, voll Hoffnung, Herr,
heute von vorn zu beginnen.

Laß uns in deinem Namen, Herr,
die nötigen Schritte tun.
Gib uns den Mut, voll Glauben, Herr,
mit dir zu Menschen zu werden.“

Ist dieses Lied nicht wie das Verzehren einer Kerze? Es ist wundervoll!

May

1. Adventswoche 2019


(1) Ohne Stromversorgung bis Mitte 2018.
(2) Text und Melodie: Kurt Rommel 1964. Aus: Gotteslob. Erzbistum Köln.

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