Mission oder Kerker?

Frühmorgens beim Bäcker Schnitte, um halb sieben in nächtlicher Dunkelheit. Es ist kalt hier draußen auf dem Bürgersteig und der Stuhl ist unbequem. In mir herrscht Unfriede, nicht weil der Kaffee bei diesen Wintertemperaturen innerhalb von fünf Minuten kalt ist. In dieser nächsten Stunde wird die Sonne aufgehen und mit ihm erhoffe ich mir wieder einen klaren Gedanken, etwas Frieden. Deswegen bin ich gerne hier.
Mich plagt die Feststellung, daß mir in meinem ganzen Leben ein einfacher und logischer Verhalt zur bevorstehenden Geburt des kleinen Jesuskindes vollkommen entgangen ist. Zu Weihnachten gab es früher immer einen Tannenbaum, Geschenke, oft viele Geschenke und Beisammensein mit Familie oder Verwandtschaft. Man beschenkte sich gegenseitig, das war so. Und heute? Seit gestern erst, also nie, nie vorher tauchte aus dem Dunkel in meinem Kopf die wirklich ent-scheidende (!) Frage auf, die seit gestern in mir kreist. Es ist immer noch nicht zu fassen, daß so etwas möglich ist.
Mich interessiert heute, ob ich das einzige Wesen in diesem Kosmos mit dieser Unwahrnehmung bin und befrage Personen, die mir gerade greifbar sind und wahrscheinlich nicht nur den Kopf schütteln und mich alleine stehen lassen.

Der Erste. Es ist ein Kunde dieser Bäckerei. Wir grüßen uns schon mal, wenn ich hier draußen sitze und er vor seiner Arbeit die Brötchen für die Familie einkauft.
„Entschuldigung, darf ich sie in aller gebotenen Kürze etwas fragen?“
Er nickt mit dem Kopf: „Ja.“
„Sie feiern doch bestimmt mit ihrer Familie den Hl. Abend?“
Erstaunt sagt er kurz angebunden: „Ja, das tun wir.“
„Jetzt kommt meine Frage: Was bekommt denn das Geburtstagskind geschenkt?“
Er eher entgeistert, mit ansatzweise aufgeblähten Wangen:
„Was bekommt das Geburtstagskind? Ja was? Sie sitzen ja hier, können ja mal darüber nachdenken!“
Irgendwie scheint er sich, nun mit einem verbogenen Lächeln, über seine spontane Antwort zu freuen:
„Schönen Tag noch!“ und er entfernt sich selbst.
War das nun sowas wie eine Abfertigung?

Der Zweite, frühmorgens mein häufiger Tischnachbar Heinrich1. Er schweigt gerne, außer zum Thema des 1. FC-Köln, Bratwürste, Waffeln mit Kirschen hier oder dort und bei Empörungen über das Fehlverhalten Anderer. Ich mag ihn, mit seiner entfernten Ähnlichkeit im Stillsein zu meinem verstorbenem Vater. Mein Kopf dreht sich zu Heinrich und ich frage ihn: Feiern… Weihnachten… Geschenke… welches für unser Jesuskind? Dieselbe Entrüstung bei ihm, diesmal weniger in die Wangen hinein als nach vorne und unten sich beugend. Dabei schüttelt, rupft er mit beiden Händen nicht existierende Federn aus seiner roten Decke über den Knien und es klingt nicht nur vorwurfsvoll2:
„Das weiß ich doch nicht! Vielleicht eine Kerze?“

Die Dritte, mit ihr hatte ich ab und an kurze, manchmal auch kritische Gespräche auf Messers Schneide. Sie ist eine ältere Frau mit schönem Hund. Meine Frage an sie und sie weiß sofort, daß sie Jesus etwas schenkt. So wie sie eigentlich immer eine schnelle Antwort auf irgendetwas gibt. Sie schenkt sich und dem Enkel einen Besuch an der Krippe im Dom. Auf meine Rückfrage, daß sie doch sowieso dorthin gehen würde, was daran ein Geschenk sei? Wieder so schnell und hingeworfen ihre Antwort:
„Was ich denn meine wie aufwändig die ganze Aktion sei!“

Nro. vier: Ein Straßenkehrer hatte am Nachbartisch gegen sieben Uhr Platz genommen. Bekannt vom Grüßen, er lacht gerne und was alles so kostet. Meine entscheidende Frage ist wohl nicht eindeutig genug formuliert, deswegen beschreibe ich mit einem Beispiel:
„Du bist mit Deiner Freundin auf eine Geburtstagsfeier eingeladen. Ihr steht beide vor demjenigen, der heute Geburtstagskind ist und das dicke Paket auf deinen Armen überreichst du ihr und nicht dem, der es logischerweise bekommen müßte. Deine Freundin hat ja keinen Geburtstag!“
Das schob ich nach. Es war schon so grotesk, daß wir beide lachen und ich verließ diesen Ort für den Morgenkaffee, ohne Antwort auf die wichtige Frage.

Fünf und sechs. Zwei Nachbarn, ein Vater und sein erwachsener Sohn sitzen draußen und ich unterbreche deren Gespräch über höchst lukrative Immobiliengeschäfte. Was sind schon unerhörte materielle Wertzuwächse gegen meine kleine unbezahlbare Frage? Beide grübeln und denken richtig nach! Vom Sohn nun eine taktische Aussage um Zeit zu gewinnen:
„Das ist eine echt interessante Frage.“
Immerhin und er sagt doch tatsächlich noch sowas wie Zuwendung oder Zusammensein. Das erstaunt mich und es dämmert mir langsam, was es denn sei, dem kleinen Jesuskind schenken zu können.

Die Letzten. Beim präferierten Zeitschriften- und Tabakwarenhändler trete ich ein, der noch im Gespräch mit einem Kunden ist. Genau zwischen beide dränge ich mich mit erhobener Stimme und Frage. Der Kunde schweigt, ich glaube dem fällt tatsächlich gar nichts ein. Der Händler wie gewohnt, ob passend oder nicht, sagt blitzschnell:
„Er bekommt Myrrhe, Weihrauch und Gold.“ So wie ich ihn kenne sollte das jetzt eine Art humoristischer Brüller sein. Mein letzter Satz im Hinausgehen:
„Und das haben sie zuhause auch immer vorrätig!“
Damit war das Thema für heute, als Frage an getaufte Heiden, erstmal erledigt.

Sind es nicht die Alltagssituationen, in denen man als Christ die Möglichkeit hat mit den Mitmenschen über Jesus ins Gespräch zu kommen? Den Dreieinen Gott bei den Neuheiden im Gespräch behalten? Auch wenn ein Gespräch über Ihn witzig wird? Ich muß ja nicht mitlachen oder sogar den Bold bestätigen:
„Der war gut! Hahaha
In dieser Welt gibt es keinen Frieden. Frieden heißt lediglich Waffenstillstand bis zu dem Moment, wenn sie wieder gezückt werden. Ich meine nicht den Frieden, mit dem ich am Ende der Hl. Messe in die Welt zurückgeschickt werde. Bei diesem vermute ich den Bezug unter Christen und im Christen. Wie gerne hört das auch mein Fleisch und blickt aus nach einem Sofa. Nach Wohlfühlen, einem Schutzraum vor dem alltäglichen Hauen und Stechen – vor dem Krieg! So absurd es auch ist, durch die Gitter meines Kerkers sehe ich die Welt in Schutzhaft.
Am Schluß einer Hl. Messe sagt höchst selten der Priester3 zur Gemeinde:
„ite missa est!“ – „Gehet hin und verkündet!“ – das schreckt mich auf! Es ist der unmißverständliche Hinweis und Auftrag, daß es den Frieden nicht geben wird, bevor dieser Auftrag erfolgreich ausgeführt ist. Das ist die Mission.

Tags darauf auf dem Wochenmarkt eine Begegnung mit K. F. Alex, einem interessierten Heiden. Er ist für mich die Überraschung des Tages, erstaunt höre ich sein Wort:
„War nicht vorher schon die Freude des Herrn da?“
Zuvor berichtete ich ihm von meiner Umfrage und daß sich alle Antworten auf die Freude verdichtet. Daraufhin geschah seine obige Antwort, sehr überraschend und erstaunlich – dieser K. F. Alex!
Überwiegend antworteten die Befragten aus Neuheidenland mit (irgend-) einer Art von Freude. So, wie die Stachel eines Igels in alle Richtungen zeigen. Diese ungerichtete Freude ist irgendwie, situativ und diffus.
Die Freude über Gottes Offenbarung, um jeden einzelnen Menschen von seinem irdischen Joch zu erlösen, diese Freude ist persönlich auf Jesus beziehbar, sie ist zeitlos und konkret. Sie ist schon da, bevor mein Haupt irgendetwas denken kann. Ist es nicht wundervoll, dieses Geschenk der Freude aus dem Herrn weiterzugeben? Sie ist das größte Geschenk überhaupt. ER würdigt damit jeden, der es erkennt und SEIN Vertrauen bestätigt, daß es voll Würde und in Freude den Weg zum Nächsten als Geschenk findet. Ich glaube das erfreut Jesus.

May

3. Adventwoche 2019

 


(1) Namen geändert.
(2) Er sagt es auf Kölsch: „Dat wäiß isch do nit! Ne Kääz?!“
(3) Hl. Messe in nach-konziliärer Liturgie.


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