Die Kirchgangblockade

Alle Jahre wieder zu Weihnachten drängt ein ganz bestimmtes Thema mit aller Macht in den Vordergrund. Jahr für Jahr gestaltet es sich in einem anderen Aussehen, es kommt in einem anderen Gewand daher und breitet sich mit riesengroßen Ellbogen in meiner irdischen Existenz aus. Dieses Jahr lüpft es sein Gewand an jener Stelle, worunter sich eine scheinbare Alltäglichkeit verbirgt. Ganz klein und unaufdringlich kommt es daher, sogar freundlich höflich mit einem gefälligen Kopfnicken. Zu gerne findet es Eingang in den Ohren der wohlmeinenden Gläubigerschar und versackt dort im Federbett der Selbstverständlichkeiten.

Nach mehreren Monaten des Kampfes ist es nun soweit, ich kann nicht mehr in die Hl. Messe der katholischen Kirche gehen. Mit wenigen Ausnahmen, falls ich selbst die Lesungen vortragen darf, dann senke ich und ziehe mir halbhoch die Jacke über den Kopf. Ich denke an die Last eines großen Holzkreuzes, an die schmerzhaften Dornen einer verächtlichenden Krone, Folterungen. Soll Jesus umsonst gelitten haben, nur weil ich zu feige bin diesen Moment der geistigen Gewalt durchzustehen oder Widerstand zu leisten?
Gedanklich und körperlich sind diese Konfrontationen in der Hl. Messe äußerst einnehmend und ablenkend von der Liturgie, der wichtigen und notwendigen Begegnung mit dem Herrn.

Es sind die zeitgemäßen Fälschungen der Hl. Schrift im Messbuch, es sind die zeitweiligen Äußerungen der Priester in der Hl. Messe und es sind die Vorträge katholischer Amtsträger in ungezählten Stellungnahmen zu biblischen Themen (1), die an lauschende Hörerschaften gerichtet sind. Es sind die würde- und ehrlosen Begegnungen mit unserem Herrn am Altar und beim Tabernakel, den Heiligtümern eines jeden Christen und es ist noch einiges mehr. Hier Unbeschriebenes vervollkommnet die Wahrnehmung am Verfall der Freude im Dienst und in Demut vor unserem Herrn. Um es kurz und klar anzusprechen: Es ist ein Tabu. Der Duden definiert den Begriff so (2):

Ungeschriebenes Gesetz, das aufgrund
bestimmter Anschauungen innerhalb
einer Gesellschaft verbietet,
bestimmte Dinge zu tun.“

Es ist ein gesellschaftliches Tabu, es darf nicht verletzt oder gebrochen werden, man darf nicht daran rühren. Also was kann ich hier dann noch dazu aussagen? Bitte was? Sitze ich in der Kirchenbank und jenes Tabu konfrontiert sich in mir in aller Offenheit und Vehemenz, dann wirkt und bebt es durch und durch. Spreche ich es öffentlich ohne Scham und Furcht an, dann werde ich einer geschlossenen Front der Tabuisierer nicht standhalten können. Ist es sinnvoll solch eine Frontlinie zu eröffnen?
Bislang bin ich schweren Herzens sogar aus mehreren Hl. Messen vorzeitig, also während der fortlaufenden Messe hinausgegangen. Keiner wird es bemerkt haben, auch nicht, daß ich mich in diesen Momenten nicht zur Gemeinschaft zugehörig wahrnehme. Ich muß ehrlich sein, dazu stehen, nicht im Widerspruch mit dieser Gemeinschaft bleiben durch den weiteren Verbleib. Durch mein Fortgehen ist der Widerspruch mit der Gemeinschaft nicht einfach verschwunden. Muß ich es einfach akzeptieren, daß sie so sein wollen? Ist dieses Tun richtig? Was sonst tun? Kann man das, ein Tabu ansprechen ohne es auszusprechen? Nach wie vor ist es ein zähes und langes Ringen in einer unaufhörlich andauernden Kampfrunde. Einen Tabubrecher mag keiner, es ist möglich, daß es demjenigen so ergeht (3):

Zuerst ignorieren sie dich.
Dann machen sie dich lächerlich.
Dann greifen sie dich an und
wollen dich verbrennen. Und dann
errichten sie dir Denkmäler.

Das Errichten von Denkmälern lassen wir mal weg. Innerhalb der Kirchengemeinde deutete ich es vereinzelt in einem persönlichen Gespräch an. Nur, wen hat es wirklich interessiert? Ich denke ohne Interesse oder auch aus den eigenen Lebenserfahrungen heraus wird dieses Thema nicht in Fleisch und Blut übergehen und dadurch ein Gewicht bekommen können.
Anscheinend erst seit dem letzten vatikanischen Konzil, denn zuvor wurde die Hl. Schrift so in der Messe verkündet, wie sie im Hl. Geist niedergeschrieben wurde.
Von der Zentrierung auf Jesus Christus hin zur Zentrierung auf den christgläubigen Menschen. Das weckt Begehrlichkeiten, führt in Versuchung zu einer weiteren Verschiebung der Zentrierung bis nah in die Verweltlichung. Die sprachliche Annäherung vom Lateinischen zum Deutschen oder Handreichung ist eine weitere Möglichkeit für zweierlei: sich dem Geheimnis des Glaubens zu bemächtigen, sich dienbar zu machen oder für ein besseres Verständnis dessen, wem man gewillt ist zu dienen.
Der Beginn dieser Bedeutungsverschiebungen ist möglicherweise auf den Anfang der 60er Jahre seit dem letzten Konzil datierbar. Aus welchem Grund sollten immer wieder neue Zeitgeister nicht nach neuen Strohhalmen greifen um sich in dieser Welt zu manifestieren? Sie nutzen jede Gelegenheit, so auch der Feminismus und dieser mit besonderem Härtegrad durch den Einfall in die männlichen Häupter als adaptierte weibliche Ideologie.

Was tun? An die Deutsche Liturgische Kommission, an die Liturgiekommission der DBK (4), an Kardinal Reiner Maria Wölki mit Kopie an den Gemeindepfarrer schreiben? Was werden die mir antworten? Ich bin ja nur ein einfacher Nicht-Theologe, ein ganz normaler Kirchgänger und der will Aussagen über ein verdecktes und herrschendes Thema machen, das nicht schon längst von den Kirchenoberen unter strenger Beobachtung stehen sollte? Wie lächerlich mein Anliegen sein kann.

Ich liebe es in die Hl. Messe zu gehen. An keinem Ort in dieser Welt möchte ich in diesen Momenten lieber sein, sie sind mein Gerüst, der Fels, die Bodenhaftung, ein Stück Himmel auf Erden.
Beide, sowohl die vor-, als auch die nachkonziliäre Liturgie, sind wundervolle Momente der Begegnung mit meinem, mit unserem Herrn. Es ist mein fester Standpunkt, daß jedes weitere Wort aus der Lebenswirklichkeit des Menschen in der Hl. Messe fehl am Platze ist. Es wendet nicht die grundlegende Not und es ist ein Kreuz. In zwanzig Minuten fängt die Christmette an und ich gehe nicht dorthin. Zwischen den Zeilen dieser Niederschrift gehe ich ratlos durch meine Wohnung. Immer wieder am Herrgottswinkel vorbei. Bleibe stehen, falte die Hände und blicke auf zu Jesus am Kreuz. Auf die Holzstatue Mariens und in ihrem Arm das kleine Jesuskind. Ich könnte heulen.

Jesus Christus,
mein Herr und mein Gott.

Was kann ich tun?
Was ist der richtige Weg?
Du wirst gleich geboren,
in der Hl. Messe gefeiert
und ich bin nicht dort.
Die Begegnung mit Dir,
sie fehlt mir so.
Jesus, mein Herr,
Maria, Du wahre Frau,
Josef, Du stille Treue,
Johannes, Kind des Herrn,
bitte gebt mir ein Zeichen,
wo ist mein Weg?

Gewiß ist, am heutigen Heiligen Abend stürze ich mich nicht in das tabugebrochene Schlachtgetümmel. Ich bin so froh, daß es IHN gibt und er mir oft rechtzeitig einen entscheidenden Rat gibt. Darunter ein immerwährendes Gebot. Ich träumte es vor ca. drei Jahren und schrieb es nieder in folgender Notiz (5): 

Ich bin in einem Dialog und in meinem Blickfeld erscheint eine große Kirche.

Aus dem Traum richtete ich mich plötzlich mit erstauntem Blick im Bett auf und laut rief ich aus: 

Gott entscheidet!

May

Am Heiligen Abend 2019.

 


(1) Ganz zu schweigen von der Bedeutung des sogenannten „Synodalen Weges“, den Vorkommnissen bei der sogenannten „Amazonassynode“ und zersetzenden Äußerungen bischöflicher Hirten. Das ist alles andere als witzig, dennoch kursiert unter Theologen eine Formulierung, die in sich die verdrehte Wahrheit dieser Welt ausdrückt: „Sodom und Gomorrha wären blühende Metropolen geworden, hätte sich Gott mehr deren Lebenswirklichkeit angepaßt“.
(2) Quelle: Duden; https://www.duden.de/rechtschreibung/Tabu
(3) Mahatma Gandhi war es nicht, sondern ein Gewerkschafter aus den VSA/USA, Nicholas Klein, geäußert 1914 bis 1918.
(4) DBK, Abk. für Deutsche Bischofskonferenz.
(5) Der (Schlaf-) Traum „Gott entscheidet!“ vom 19.10.2016.
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