Geliebter Heide

Geliebter Heide,

wie oft haben wir in den vielen Jahren miteinander geredet, diskutiert und gestritten? Zwei Heiden in ihrem Element. Das Wissen des Einen unterlag oder siegte über das Wissen des Anderen. Das freie Denken in der Welt ist grenzenlos, sozusagen der Vorreiter der materiell gewordenen Globalisierung. Bevor an dieser Stelle Dein erster Einwand kommt oder Du gar protestierst, laß mich bitte sagen, warum ich diese Worte an Dich richte.
Ich erinnere mich an eines unserer letzten Gespräche, es war wirklich ein sehr heftiger Disput über den Sinn und Zweck von Zeichen und Symbolen, wobei wir über jene Auseinandersetzung keine Einigung fanden. Ich glaube Du vertratest den Standpunkt, daß jedes Zeichen und Symbol hausgemacht, also von Menschen sind. Damals konnte ich es nicht ausdrücken, aber tief in mir war diese Ahnung, daß es über diesem Hausgemachten etwas Außerordentliches gibt. Dieses mein geliebter Nächster möchte ich Dir nun mitteilen.

Es ist ein besonderer, seltener Moment der Irritation, manchmal ein Moment der Täuschung und ich will dies nicht einfach übergehen, nicht einfach so weg damit!

Der Traum (1) „Schütze“:

„(Nach mindestens einer weiteren Traumphase:)
Ich stehe aus dem Bett auf und vermute jemanden an der Tür. Die Tür ist etwas weniger als halb geöffnet. Ich mache sie ganz auf und tatsächlich steht dort ein etwas kleinerer Mensch, der gekleidet ist wie man sich einen Schützen vorstellt. Dunkles Rot mit Rock, Strümpfen, Knopfjacke und einem eckigen Hut. Alles mit einem Muster und Knöpfen aus Gold verziert.

Aus seinem Köcher hat er wohl einen Pfeil gezogen, in den Bogen gespannt und in meine Richtung angelegt. Er steht nur ein oder zwei Meter von mir entfernt. Eine akute Bedrohung von ihm aus liegt für mich nicht in der Luft, so schaue ich mich weiter um und sehe die eine oder andere Tasche im Treppenhaus stehen. Der Schütze sagt es oder ich frage ihn:
„Wo ist der andere?“
Damit kommt mir der Gedanke, ob ich die Taschen durchsuchen müßte, weil er mir etwas gestohlen haben könnte.“

Diesen Traum hatte ich vor zehn Jahren, also mitten in unserer Heidenzeit, plötzlich morgens nach dem Aufwachen in Erinnerung. Wie oft hatten wir am Tag beim Kaffee davon geträumt, endlich mal Ruhe vom täglichen Laufrad zu haben, wegzufliegen, Urlaub machen und so weiter. Und hier fängt ein nächtlicher Zeichengeber unvermittelt an mit Aufstehen, wach sein, vielleicht sogar um endlich mal aufzuwachen.

Wie dicht der Traum ist. Sofort weiter mit die Tür öffnen, also diese nicht schließen, anscheinend wohl offen sein für Neues. Aus sich herauskommen und zulassen. Beides birgt die Frage nach Sicherheit oder Gefahr, Burg oder Nomadenzelt. Man sollte also beim Sich-Öffnen nicht davon ausgehen, daß die Gewohnheit vor der Tür steht. So kommt im Traum die Gefahr anders als gedacht: sie ist klein, fremd, vollkommen unerwartet, aber auch ansehnlich, schick, wenn nicht sogar edel gekleidet. Anstatt auf eine mir gereichte Hand blicke ich auf seinen gespannten Bogen und die kleine punktförmige Pfeilspitze! Ist das nicht eine Herausforderung, Heide? Wie schnell wäre unter uns Heiden aus dieser Bedrohung ein blutiges Gemetzel geworden? Stattdessen passiert genau das Gegenteil, ich ignoriere den Schützen!

Du hättest als Heide in dem Moment bestimmt etwas anderes gesagt. Den Klang Deiner Stimme habe ich immer noch im Ohr:
„Du feige Sau!“ und ihm blitzschnell die verdienten Ohrlaschen verpaßt. Dagegen falle ich zurück in Sachlichkeit, in Dinge, Ordnung, Material und vermute Diebstahl? Ist bei solch einer Bedrohung der Raub nicht naheliegend?
Ich stelle mich nicht der Gefahr und schäme mich hier und jetzt nicht einmal dafür! Wer ist überhaupt dieses „Ich“ in dem Traum? In unserer Heidenlogik wäre Deine Reaktion nachvollziehbar gewesen, genauso wie die Frage an den Versucher der Bedrohung:
„Welcher Andere?“

Lieber Heide, Du magst zwar lieber Antworten, dennoch verweise ich auf die Frage als der besondere Moment, die eines genauen Hinsehens bedarf:

„Wo ist der Andere?“

Aus der Sicht des Schützen gefragt meint er wohl den Schläfer, der von ihm immer noch im Bett liegend vermutet wird.
Aus meiner Sicht dachte ich in diesen Tagen ständig an einen Helfer oder Gefolgsmann dieses Schützen. Die Frage nach dem Anderen ist bei beiden Personen seltsam vermengt. Mein „Ich“ im Traum scheint sowohl im Interesse zu sein, als auch intermediär: „Ich“ bin in der Frage, höre sie, nehme sie nicht nur an, sondern bin mittendrin. Es scheint ein ganz kurzer heller Moment zu sein.

Wer ist eigentlich der Schütze?

Er ist wohl eindeutig aus dem Heidenreich, aus der Welt. Von der Kleidung her was Besseres! Er sucht und bedroht den Schlafenden, den Nicht-Wachen, den er ausrauben kann. Am besten so, daß der Schlafende es nicht bemerkt.
Deswegen erkenne ich mich nicht als bedroht, weil ich mich für diesen kurzen Moment auf diese für den Schlafenden unsichtbare Situation einlassen kann. Mir kann er nicht den Schlaf rauben.
Den Schlaf rauben, die Sachen rauben, beides ist ohne präsentes Bewußtsein. Das ist der Schlafende, das Schlafschaf sagt der Heide.

In der Welt muß man sich den Schlaf rauben lassen. Dieses Rauben und Beraubtsein ist das Hauptbeschäftigungsmerkmal in dieser Welt. Besitz haben und in Besitz nehmen wollen sind das Hauptwillensmerkmal in dieser Welt.
Der Schlaf des Anderen hat großen pragmatischen Nutzen für den Einen, den Ausgeschlafenen, Pfiffigen, Kleveren, jemand der weiß, wo‘s langgeht. Je mehr er diesem Willen untersteht, desto größer ist die Gier und desto verheerender die Wahl der Waffen und Bereitschaft diese einzusetzen, zur Erlangung des Gierzieles.
Das generische Maskulinum darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß für das im Zeitgeist als besserer und vollkommenerer Mensch sich wähnende Weib der Schuß nach hinten losgehen kann.

Und nun lieber Heide, ja ich kenne Deine verschlossene Tür für das, was jetzt kommt. Du hast gerne Deine Ruhe vor allem, was keinen pragmatischen Nutzen in dieser Welt hat oder was Deine eigene Wirkmacht untergräbt. Wie mich bei der Pragmatik der Zorn überkommt, immer wieder! Gegen Pragmatik und Zorn habe ich ein unschlagbares Heilmittel kennenlernen dürfen, um es wenigstens in Deiner Sprache und Technikgläubigkeit auszudrücken.

Was hat Jesus mit dem Traum zu tun? Wo kommt Er vor?
Direkt zu Beginn des Traumes, schlafen, aufwachen, offen sein. Mehrmals hat Jesus seine eingeschlafenen Jünger erwischt, wo sie doch wachsam sein sollten.
Des weiteren: Bedrohung, trotz der sehr angespannten Situation fürchte ich mich nicht (2):

10 fürchte dich nicht, denn ich bin mit dir; schaue nicht ängstlich umher, denn ich bin dein Gott; ich stärke dich, ja, ich helfe dir, ja, ich stütze dich mit der Rechten meiner Gerechtigkeit.
11 Siehe, es sollen beschämt und zu Schanden werden alle, die wider dich entbrannt sind; es sollen wie nichts werden und umkommen deine Widersacher.


Ein Heide fürchtet um sein Leben und um dessen materieller Erweiterung, also um sein Hab und Gut.
Wach sein bedeutet nicht nur den Moment und die Lage wahrzunehmen wie sie ist. So stellt man sich das normalerweise vor. Sondern das Unsichtbare für wahr zu erkennen, was nicht zur weltlichen Matrix gehört. Der Bewaffnete, erweitert gesagt, der ständige, nie unpragmatisch fragende Antwortgeber, ist der Angstvolle. Er sieht sich bedroht, obwohl er die Waffe hat. Ja, das ist absurd und das ist der ewige Kreislauf von Krieg und Frieden.

„Wo ist der Andere?“

Das frage ich zu dem Schützen, der Angst hat und frage es nach dem Anderen, der diese Angst nicht hat. Das sagt der Schütze, der selber Angst hat und nach dem Anderen fragt, dem er Angst machen kann, dem er seine Angst geben kann. Des Schützes Angst ist etwas zu verlieren, weggenommen zu bekommen (3). Dieselbe Angst hat er vor Gott, er könne ihm etwas wegnehmen, was super-hyper absurd ist. Nein, Heide. Damit habe ich Dich nicht als atheistischen Dummkopf bezeichnet. Ich weiß jetzt, daß es keine Frage der Intelligenz ist. Bitte tue uns diesen Wettkampf nicht an. Es ist eine Frage, die ich Dir nun sehr gerne antue, weil ich Dich als Willensstarken kenne, die Frage des Mutes. Bitte sei offen und wachsam, achte auf Sein Zeichen, Du Feigling!

Dir lieber Heide von Herzen alles Gute. Bitte laß mal wieder was von Dir hören, altes Haus!

Jetzt sind diese Zeilen niedergeschrieben am zweiten Fastensonntag und was passiert? An diesem Abend höre ich im Radio einen Vortrag (4) über die Verklärung des Herrn und der Vortragende hebt immer wieder diese Ansprache Jesu an Petrus und Johannes hervor:

Steht auf und fürchtet euch nicht!

Mein weltliches Sternzeichen ist übrigens Schütze. Als ob ich dieses Leben lang vor Angst auf mich selber gezielt habe. Und ich schlief. Dem Herrn sei ganz herzlicher Dank für die unmittelbare Wahrnehmung durch den Traum – Danke Jesus Christus.

May

Am 2ten Fastensonntag 2020.

(1) (Schlaf-) Traum Schütze vom 08. Oktober 2010.
(2) Jesaja 41, 10 – 11. Bibel, Elberfelder 1905.
(3) weggenommen zu bekommen: Ist das nicht schön widersprüchlich?
(4) Vortrag von Pfarrer Fritz Mey: Verklärung des Herrn (Mt 17, 7). In: Radio Horeb, Internationale Christliche Rundfunkgemeinschaft (ICR) e.V., Dorf 6, 87538 Balderschwang.

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