Tunnel anti Porta

Es gibt ein Problem. Ich habe ein Problem. Ein Weib (1) darf Probleme haben, schon kommen zehn Männer und geben Antworten oder krempeln sich die Ärmel hoch um die lose Schraube wieder festzudrehen. Als Mann darf man kein Problem haben. Selbst daran schuld, zu stürmisch, zu unüberlegt, Lächeln in der Häme, welcher Mann kennt das nicht. Es gibt jedoch Probleme, auf die kein Weib eine Antwort geben kann. Ich vermute, da in ihr die Lösung für das Problem nicht inhärent ist.

Auf der Landstraße unter einer Laterne, die spärliches, flackerndes Dämmerlicht von sich gibt. Von zwei Wegen, die hier abgehen, nehme ich den Rechten. Weithin auf dem Weg, es ist eher mehr eine Ahnung, sehe ich da nicht ein glimmendes Lichtlein?
Kerzengerade ist der Weg und die Dunkelheit frißt sich tief in die Nacht. Wie lang ist dieser Weg denn noch? Auf halber Strecke, es muß die Mitte des endlos scheinenden Straßenstriches in dieser Schwärze sein: Da steht ein großes Jesuskreuz. Ein Kerzenstumpen im Windschutz anbei, wie ich mich sehne nach dem Licht des Herrn. Ich zünde den Docht an, plötzlich aus dem Nichts steht jemand schräg links hinter mir und eine weiblicher Stimme fragt über meine linke Schulter:
„Warum haben sie das getan?“
Ich bin irritiert. Was getan, es kann sich nur um die angezündete Kerze handeln, sonst hat sich hier seit meiner Anwesenheit nichts getan.
„Für Jesus“, sage ich dem Weib.
„Ich bin hier Polizistin und bitte sie das zu unterlassen!“, kommandiert der weibliche Polizist.
Ich zögere, sage bitterlich: „Ihrem Befehl werde ich nachkommen.“
Dabei blicke ich auf zu Jesus und bin genauso plötzlich wieder alleine hier mit ihm und der Frage:
„Was ist mein Weg Jesus? Soll ich mich einer irdischen Macht unterordnen? Ich will doch nur Dir dienen, Du bist mein Herr.“

In einem Klinikgebäude, eine Station in der fünften Etage, der lange Gang rechts. Neonlicht kurz vor Mitternacht und mittig im klinisch rein riechenden Gangweg ein kleines Jesuskreuz über Kopfhöhe. Davor auf einer spärlichen Holzablage ein einziges unbenutztes Teelicht. Senkrecht zeigt der Docht nach oben zum Herrn.
Beim Anzünden der gewachsten Schnur höre ich kurze Schritte und sehe schemenhaft eine kleine blaue Gestalt. Der Pfleger zur Nacht nähert sich, nimmt jetzt knapp links hinter mir Stellung und erhebt eine weibliche Stimme:
„Warum haben sie das getan?“
„Für Jesus!“
„Ich bin hier Pflegerin und bitte sie das zu unterlassen!“, droht der weibliche Pfleger mit scharfer Messerstimme.
Angeschnitten, zögerlich aus trockenem Mund brumme ich:
„Ihrem Befehl werde ich nachkommen.“

Warum diese zwei sehr ähnlichen Fälle? Weil darin mein Problem eingeflochten ist, das ich als das Dritte vermute und verstehen will:

Heute (2) war ich vor der Heiligen Messe sehr früh im Kirchenschiff und machte direkt rechts um’s Eck, im Halbdunklen zwischen zwei Reihen Beichtstühlen und halb verdeckt durch die großen Orgelaufbauten, beim großen Jesuskreuz die auf dem Boden stehende dicke Kerze an. Ich sah ihn im schnellen Schritt heranmarschieren und er sprach mich direkt an:
„Warum machen sie die Kerze an?“
Ich zeigte mit den gefalteten Händen auf das Kreuz und antwortete:
„Für Jesus!“ und drehte nun meinen Kopf zu ihr.
„Ich bin die Küsterin und bitte sie das zu unterlassen!“
Mein Blick ging wieder zum Kreuz und sagte ohne nachzudenken:
„Ich werde ihrem Befehl nachkommen.“

Zu verführerisch biedert sich nun das Tagesbewußtsein an, das mit zügigen Schlüssigkeiten oder einem Bedeutungsabfall des Problemes Zufriedenheit vorgaukelt. Erstmal durchatmen.

Herr – Jesus Christus.
Du weißt, was mich bedrückt,

bitte hilf mir,
bitte gib mir einen Hinweis,
zur Bedeutung dieses Problemes
und wie es sich verstehen läßt.
Es sich verständlich machen läßt,
wenn ich es lösen kann.
Für Mann und Weib,
damit wir in geheilten Bezug kommen.
Danke.
Danke für Deine Geduld mit mir.
Amen.

1. Der Weg – Links oder rechts? Durch die Mitte? Es gibt doch diesen weit verbreiteten Irrtum, eines der vielen Irrlichter, daß der Weg das Ziel sei. Das ist die ideologische Mitte. Den Weg links oder rechts? Es gibt hier keine Mitte, keine Flucht in die Ideologie eines Weges und es ist sich tatsächlich zu entscheiden. Ich gehe rechts der Ahnung nach.
Kann ich nach halber Strecke auf dem falschen Weg sein, wenn sich zu großer Freude urplötzlich Jesus am Wegesrand auftut? Ich will ihn sehen und zünde die Kerze an. Jesus soll von allen gesehen werden, von jedem, ob an ihn zu erinnern oder damit Er erkannt werden kann. Er ist der Wegweiser.

2. Das Leben – Irdische Kräfte zur Aufrechterhaltung des wahrnehmbaren lebendigen Seins sind begrenzt. Das dürfte sich mittlerweile bis ins letzte Haupt herumgesprochen haben. Jesus ist das Leben, Er weiß es und Er lebt es. Ist Er nicht der allerbeste Ratgeber für Lebensfragen? In der beschränkten Symmetrie des entglittenen aufgeklärten Denkens? Der spiegelblanken Oberflächen superreinweißer Maskendarsteller?

3. Die Wahrheit – Den Bezug zu DIR wollen die Heiden und die Heidenchristen nicht. Ebenso die Bezüge zwischen Menschen, zwischen Mann und Weib beobachte ich nicht gerade mit Heil verbunden. Jeder weiß um die ständige Machtfrage in der Welt. Mann oder Weib, jeder will etwas darstellen, den Ruhm des Erfolges, den Ruhm eine Bank zu sein, den Ruhm ein Schatz, schätzenswert, einschätzbar, kontrollierbar zu sein. Auch, wenn er oder sie anderes von sich behauptet.
DU, die Wahrheit, von den sich Rühmenden ans Kreuz genagelt. Hinterlassen hast DU uns den Bezug zu DIR, zur Wahrheit, zu unserem eigenen Sein und dem des Nächsten. In Wahrheit drängt alles in mir die Kerze an DEINEM Kreuz anzuzünden. Ich stehe im Konflikt, das wie auch immer gestaltete Küsterrecht nicht über das höchste Gebot aus DEINER Gabe an uns stellen zu lassen. Es darf nicht sein, daß DU im Haus VATERUNSERS verdunkelt bleiben sollst oder im kalten vom Menschen gestalteten Kunstlicht angestrahlt wirst. Jeder soll DICH sehen können und DEIN selbstverzehrtes Leben – für uns.

Wie läßt sich der Wahrheit über die Bedeutung der Macht in den beschriebenen Fällen näher kommen? Eine unmittelbare Wahrnehmung, den Traum (3) ziehe ich zu Rate:

Befinde mich in einem engen metallenen Röhrensystem. Es sind breiter gefaßte, vielleicht auch verschraubte Übergangs- oder Nahtstellen sichtbar. Es ist eng und man kann nur vorwärts oder rückwärts kriechen. Stellenweise ist das Röhrensystem ausgeweitet. Es hängen an Kleiderhaken Anzüge, Bekleidungsstücke. Zwischendurch Sequenzen in einem kleinen beengten Bekleidungsgeschäft, das sich direkt neben dem Eingang zum Röhrensystem befindet.

Ich sehe eine verschneite Winterlandschaft vor mir. Ein Bach, der sich geradlinig inmitten zweier nach unten abfallender Gräben befindet. Einige Meter, vielleicht fünfzig Meter sind es, weiter weg überspannt mit einem runden Bogen eine eingeweißte kleine Brücke diesen Bach. Von meinem Standort aus nehme ich ein oder zwei Meter Anlauf und will den verschneiten Bach überspringen. Aus dem Sprung heraus schaue ich auf meinen rechten Fuß wie er auf der anderen Bachseite aufsetzt und hoffe, daß er Halt findet und nicht in der Kälte des Wassers oder im Ufermatsch einsinkt.
Meine Füße setzen mit festem Halt auf. Von dort gehe ich ein paar Schritte am Bach entlang weiter in Richtung Brücke und sehe dort eine Möglichkeit denAbhang hinauf, am Brückenkopf nach oben zu gehen.

Die Deutung und der Weg dorthin über die vielen kleinen und großen Hinweise darin, ist bei Träumen sehr umfangreich. Ich fasse deswegen hier kurz zusammen:

Es wird der Blick ermöglicht auf das Innen und das Außen, symbolisiert durch Röhreninneres und dem normalen Lebensbereich, der Oberfläche auf der die Röhren stehen. Vergleichbar ist beim Menschen das Innenleben, Denken, Fühlen, Wahrnehmung und das Außenleben, wie sich dieses nach außen hin generiert und geriert. Es ist nicht die vergleichende Gegenüberstellung, sondern ein und derselbe Verhalt unter beiden Bedingungen.
Die erheblich eingeengte Wahrnahme der Welt im Tunnelblick, das ist die treffende Assoziation, mit seiner umfassend beschränkten Sicht auf sich und Andere. Ich bin mir noch nicht ganz sicher, doch mir scheint die Traumdarstellung des Röhrensystems beinahe wie eine eigentlich unmögliche dreidimensionale Übersetzung von Paul Watzlawicks zweidimensionalen Flachländern (4). Das wäre sehr erstaunlich.
Die äußerliche Beengung im Tunnelblick scheint adäquat in der oberflächlichen Dominanz der Bekleidungswahl und -angebotes, die in Körperlichkeit, Materialität und in gemeinhin anerkannter Ästhetik kulminiert. Die Psychologie kennt für „Innen wie außen“ den Begriff der Externalisierung.
Die zeigt sich im Außen durch die eiskalte Oberfläche, im strahlenden Weiß, sie verspricht Reinheit, doch sie ist lebensfeindlich abweisend. Die Wirkung dieses nach außen weisenden Tunnelblickes läßt sich umgangssprachlich bei Mann und Weib beschreiben: „Das läßt mich alles kalt!“ oder „Cool sein“, politisch korrekt als „tolerant sein“. Auf gut Deutsch, ohne wenn und aber und höfisches Geziere: „Der/die/das geht mir am Arsch vorbei!“

Das Röhrensystem ist die Enge der vom Menschen gestalteten Welt. In der irdischen fleischlichen Natur mit all ihren Oberflächlichkeiten, Bekleidungen, die hier interessanterweise besonders eng anliegend, als Röhre dargestellt sind. Eingeengt, eingezwängt. Es liegt der Gedanke nahe, jene Szenerie einmal als moderne, zeitgemäße Variante von Platons Höhlengleichnis (5) zu betrachten.
Die Winterlandschaft deute ich nun als kalten Vollzug des inneren Freiheitsentzuges.

Doch aus welchem Grund gehe ich nicht über die naheliegende Brücke, sondern springe kurz vorher über den Bach um von der einen auf die andere Seite zu wechseln? Warum gehe ich nicht über die Brücke, sie ist doch gar nicht soweit weg? Diese kaltweiße Brücke ist eingeschmiegt in diese Kultur und Winterlandschaft. Der Anlauf von wenigen Metern, der gewagte Sprung und Sorge nicht in den Widrigkeiten zu versinken, das ist wohl Meins. Mein Weg, mein Schritt nach vorne auf dem weiteren Weg, auf dem rechten Weg, wie mir der Blick auf den sicheren Schritt des rechten Fußes zeigt. Diesen Weg muß ich selber gehen, gegen die abweisende Veräußerlichung all jener, die Andere kalt lassen. Herzenskalt.
So, wie man es landläufig im Diffusen belassend ausdrückt, das Innere Verlangen, es veranlaßt mich über den Bach zu springen. Es wird aus der Erinnerung des Traumes kein großartiges Nachdenken beschrieben. Es ist unvermittelt und vertrauend. Nicht der äußerlichen Kälte nachgehen.
Besonders interessant ist mal wieder, daß meine Person im Traum zwar aktiv die Gegebenheiten durchkriecht und durchwandert, so doch nicht emotional eingebunden ist. Nicht mit dem Fleisch, dem sinnlich verführbaren Leib, eher aufmerksam, wach, wie die Konzentration auf den rechten Fuß während eines vorher nicht abgewägten Sprunges über den Bach aufzeigt.
Der kulturell vorgefertigten Konstruktion wie der kleinen Brücke nicht folgen, sondern den Graben überspringen – zum Anderen, dem räumlich getrennten, zum nächsten Ufer. Und das in dieser Welt der Herzenskälte.

Es festigt sich die Vermutung, daß diese Brücke den ent-scheidenden Hinweis gibt. Ich gehe am Brückenkopf den Hang hinauf, an einem von Zweien! Jede Brücke hat zwei Brückenköpfe und beschreibt symbolisch damit einen Januskopf (6), dargestellt als Doppelkopf. Janus war der römische Gott des Anfanges und des Endes, der Eingänge und der Ausgänge, der Türen und Tore, der Dualität. Der Augenmerk liegt hier nicht auf eine obsolete römische Gottheit, sondern auf die nach wie vor gültigen Eigenschaftszuschreibungen.

Der Eingang und der Ausgang zu einer Brücke sind relativ, denn ob jemand von links oder von rechts auf die Brücke gehe, für den ist sein Gang darauf der Eingang. Ist das nicht ein wundervoller Hinweis auf den Relativismus in der kalten Welt durch Tunnelblickende? Der Relativierende löscht sozusagen den Gegenüber aus oder macht seine Aussagen gleich-gültig, un-besonders, allen anderen gleich. Der Nächste wird zur Verfügungsmasse der eigenen Verwahrlosung, Lösung, Abfall von der Wahrheit. So geht Relativismus.
Wie soll solch jemand den Nächsten noch lieben können, wenn er den Nächsten kurz zuvor ausgelöscht hat? Ich bin so dankbar für den Hinweis auf die eiskalte Brücke, die symbolisch gedeutet der Tod bringende höllische Abgrund eines jeden Tunnelblickenden ist. Wundervoll!
Für die betroffene Person scheint die beschriebene Wirkmacht allumfassend zu sein. Nur der Eingang ist im Traum beschrieben. Mit dem Eingang in das Bekleidungsgeschäft die verlockenden Oberflächlichkeiten. Zumal verlockend durch den leichten und äußerlichen Erwerb, entgegen dem Erreichen einer bedeutungsschweren und innerlichen Tiefe. Ist Mann oder Weib einmal in der Röhre, gibt es keinen Ausgang mehr. Allein die geistige Enge im Tunnelblick bietet noch genügend Spannweite für ausflüchtende Gedanken, Ideologien, Schönredereien, Elfenbeintürme, Wolkenkuckucksheimen und dem schmeichelnden Stolz.

Weder mit dem weiblichen Polizisten auf dem Weg, noch mit dem weiblichen Pfleger im Leben und auch nicht mit dem weiblichen Küster in Wahrheit, ist ein Gespräch zwischen von Gott geschenkten Seelen zustande gekommen. Der weibliche Polizist ist fixiert auf die Verkehrssicherheit, der weibliche Pfleger auf die Gesundheitsversorgung und der weibliche Küster auf die Rangordnung. Der Tunnelblick von drei weltfixiert Kommandierenden in ihren Grundelementen. Alle drei kriegen ihre irdische Amtsmacht bestätigt und tunneln darin ihr Geschlecht als vermeintlich bedeutend auszeichnendes Merkmal. Was sie nicht wissen ist, daß ich mich auf den Kampf unter Einäugigen nicht mehr einlassen will.

Und ich. Tunnele ich meinen Blick nicht ebenso, wenn unbedingt die Kerze brennen sollte? Nie sagte Jesus, daß es ein Zeichen von Liebe sei mit dem Kopf durch die Wand zu rennen. Es scheint wichtig zu sein, selbst zu brennen als brennen zu lassen. Rede ich mich aus meiner Verantwortung?
Sollte ich ein Weib nicht ausbremsen, das sich wichtiger nimmt als Jesus? Wachsam sein, daß es sich gegen den Herrn nicht verfehlt und es darauf hinweisen? Abschließend werde ich diese Fragen hier nicht beantworten. Lediglich ist die Gewißheit, daß wahrhaftigen Bezügen kein Automatismus im Gelingen inne ist.

Allen Kritikern meines Standpunktes zum Trost: Ja, der Traum hat mit mir persönlich zu tun. Mit meiner Heidenzeit und mit dem Jetzt. Nein, der Tunnelblick und seine Auswirkung ist nicht mein persönliches Unvermögen, sondern Allgemeingut, denn das Besondere an mir ist, daß ich nichts Besonderes bin.

Vergelt‘s Gott!
May

Geschrieben am Gedenktag der Hl. Maria, unsere Liebe Frau in Lourdes (6).

 

 

(1) Begriffsverwendung Mann/Weib analog zu männlich/weiblich.
(2) Notiz vom 30.01.2020.
(3) (Schlaf-) Traum in der Zeit vom 21.-24.12.2010.
(4) Watzlawick, Paul: Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Wahn, Täuschung, Verstehen; R. Piper & Co. Verlag, München 1976, S. 214.
(5) Platon, griechischer Philosoph im Dialog Politeia, 427 bis 347 v. Chr.
(6) Katholischer Gedenktag am 11. Februar, Zitat aus Heiligenlexikon.de: „1908 feierte die römisch-katholische Kirche das 50-jährige Jubiläum der ersten Erscheinung Mariens in Lourdes im Jahr 1858; Papst Pius X. erkor diesen Tag zum neuen Fest der Erscheinung der unbefleckten Jungfrau Maria. Grundlage waren die Visionen der Bernadette Soubirous und die feierliche Verkündigung der neuen katholischen Lehre von der unbefleckten Empfängnis Mariens im Jahr 1854. Zum Gedenktag unserer Lieben Frau von Lourdes umbenannt wurde der Tag in der liturgischen Neuordnung nach dem 2. Vatikanischen Konzil.

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